Corona verändert viele Geschäftsmodelle / Rimasys

Kölner Stadtanzeiger / Rubrik: Wirtschaft / Das Medizintechnik-Start-up Rimasys musste seinen Fokus ändern – Auch andere Unternehmen entwickeln neue Ideen / Von Hendrik Geisler und Katharina Hensel

Das Geschäftsmodell des Kölner Medizintechnik-Startups Rimasys ist ohne Körperkontakt bis lang undenkbar. Und der fällt regelmässig brachial aus: Rimasys hat einen Mechanismus entwickelt, durch den Knochen von Körperspendern so gebrochen werden können, dass sie einem echten Bruch entsprechen. So simulieren Roboterarme beispielsweise einen Sturz auf den ausgestreckten Arm bei einer Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometern. »Wir schaffen eine Situation, die eins zu eins einer Verletzung in der Realität entspricht«, sagt Marc Ebinger Mitgründer und Geschaftsführer des Kölner Unternehmens. Seit 2016 stellt Rimasys gebrochene Amputate Kliniken, Ausbildungszentren und Medizinunternehmen zur Aus- und Weiterbildung von Chirurgen zur Verfügung.

Die Firma hat inzwischen 30 Mitarbeiter und begrüßt üblicherweise bis zu 100 Unfallchirurgen pro Woche im Biocampus Cologne in Köln-Bocklemünd. Das Operationszentrum, genannt Trauma Academy, gehört zu den modernsten Europas. Im ersten Halbjahr, sagt Ebinger, habe Rimasys mit bis zu zwei Millionen Euro Umsatz geplant, alleine im April mit 500.000 Euro. »Innerhalb von zwei, drei Tagen war aber alles weg«, beschreibt Ebinger die Auswirkungen der Kontakt- und Reisebeschränkungen auf sein Unternehmen. »Ich habe immer gedacht, wir sind ein krisensicheres Unternehmen«, sagt er. Das Geschäft mit Medizintechnik kenne eigentlich keine Tiefen, »aber da habe ich nicht mit einer Pandemie gerechnet.«

Er werde keine Mitarbeiter entlassen, sagt Ebinger, egal wie lange die Krise andauere. Den Wachstumskredit über drei Millionen Euro soll Rimasys nun aber anders nutzen als das bestehende Geschäft zu vergrößern. Er wolle aus der Not eine Tugend machen, so Ebinger, und habe daher begonnen, eine seit drei Jahren bestehende Idee endlich umzusetzen. 15 Mitarbeiter seien abgestellt worden, um ein digitales unfallchirurgisches »Lehrbuch« im mit Kameras und Tontechnik ausgestatteten OP-Saal zu produzieren.

»Wir wollen die traumachirurgische Ausbildung mit Tutorials im Netflix-Stil umsetzen«, sagt Ebinger. Vom richtigen Nahen bis zu komplexen Eingriffen sollen alle Operationsmanöver in Videos dargestellt werden. Chirurgieprofessoren aus ganz Europa seien an dem ambitionierten Projekt beteiligt, sagt Ebinger: »Rumzusitzen und traurig zu sein bringt mir nichts. Also haben wir es einfach angepackt.«

Es gibt etliche Beispiele von Unternehmen aus der Region, die nicht rumsitzen und die Krise über sich und ihre Geschäfte ergehen lassen wollten. Große Chemieunternehmen haben die Produktion auf Desinfektionsmittel ausgerichtet, Schneidereien haben reihenweise ihre Expertise genutzt, um Mund-Nasen-Schutzmasken herzustellen. Pirate-X, die Kölner Firma hinter der international renommierten Unternehmerkonferenz Pirate Summit, hat auf das weggebrochene Geschäft mit Kongressen und Seminaren reagiert, indem sie in kürzester Zeit zur Agentur für Online-Events geworden ist. Und die Düsseldorfer Reise-Unternehmerin Meike Haagmans, die eigentlich mit Joventour individuelle Busreisen durch die ganze Welt organisiert, hat sich mit einer Designerin zusammengetan, um persönlich gestaltete Erste-Hilfe-Poster für Eltern und ihre Neugeborenen unter dem Namen Littleplan zu vertreiben.

Webtvcampus hat nach dem Ausbruch des Virus in NRW ebenfalls schnell auf die geänderte Lage reagiert. Das Kölner Unternehmen produziert Schulungsvideos für Klinikverbände und Krankenhäuser. Ein großer Teil des Personals brauchte nun plötzlich eine Schulung zum Umgang mit der Corona-Schutzausrüstung. Es sei extrem wichtig gewesen, dass sich das Krankenhauspersonal beim Umgang mit infizierten Patienten nicht anstecke, sagt Geschaftsführer Jochen Massmann. Sein Team produzierte gemeinsam mit der Uniklinik Düsseldorf innerhalb von 24 Stunden zwei Videos, die zeigen, wie die Schutzkleidung richtig an- und abgelegt wird. Die Schulungen wurden allen Krankenhäusern kostenfrei zur Verfügung gestellt. Am ersten Tag seien die Filme gleich 30000-mal abgerufen worden, so Massmann. Wichtig sei bei der Produktion gewesen, dass sie auch ohne Ton funktionieren. »So können sie von Pflegekräften auf der Station benutzt werden, während sie die Hinweise benötigen.«

Von Hendrik Geisler und Katharina Hensel