Austausch, der voranbringt

Andre van Hall berichtet im Juni 2019 über das Innovationspotenzial von interdisziplinärer Arbeit zwischen Wissenschaft und Wirtschaft.

Technologievielfalt als Katalysator für die Innovationspipeline

Die Identifizierung von immer wieder neuen Innovationspotenzialen ist essenziell für die nachhaltige Entwicklung von Industriestaaten. Gerade im Bereich der Hochtechnologien stellen dabei interdisziplinäre Kooperationen die Basis für Innovationssprünge dar. Technologen sind gut beraten, über den Tellerrand des eigenen Fachbereichs zu blicken, um „Aha-Effekte“ durch den Wechsel des Blickwinkels zu ermöglichen. Hierbei ist insbesondere auch die räumliche Nähe notwendig, um eine nachhaltige Kultur des Vertrauens und des kontinuierlichen Austauschs zu erreichen.

Wenn sich zwei ausgewiesene Experten eines Technologiefeldes, z.B. der Biochemie, über ihr favorisiertes Fachthema austauschen, etwa einen speziellen Antikörper, sind in der Regel keine gravierenden Erkenntnissprünge zu erwarten. Die ähnlichen Kompetenzbereiche und somit ein vergleichbarer Blick auf das Thema führen dann meist zu einem kurzweiligen Gespräch, selten jedoch im Sinne von „So habe ich das noch nie gesehen“ zu einem signifikanten Erkenntnisgewinn. Eine monodisziplinäre Sichtweise birgt oft die Gefahr eines fachspezifischen Tunnelblicks.

 

Komplexe Herausforderungen verlangen interdisziplinäre Arbeit

Öffnet man den inhaltlichen Austausch jedoch in Richtung anderer Technologien und Branchen, so steigt die Wahrscheinlichkeit für neue Erkenntnisse – und damit auch für Innovationssprünge – rapide an. Im genannten Beispiel wären sicher die Meinungen von Pharmazeuten und Medizinern im Hinblick auf die Anwendungsoptionen des Antikörpers für Therapie und Diagnose hochinteressant. Auch ein Programmierer und ein Ingenieur können hier bezüglich der Analytik wertvolle, oft entscheidende Beiträge liefern. Neben der Relevanz für den Innovationsprozess ist interdisziplinäres Arbeiten ohnehin notwendig, um komplexe technische Herausforderungen umfassend bewältigen zu können.

 

Digital Health vereint zwei Welten

Die Digitalisierung der Gesundheitswirtschaft, kurz Digital Health, stellt ein aktuelles Beispiel für eine Schnittstelle zwischen zwei Technologiefeldern, in diesem Falle sogar zwischen zwei Welten dar: dem Healthcare-Bereich mit immenser volkswirtschaftlicher Bedeutung und eher konservativen und nachhaltigen Strukturen auf der einen Seite, der Tech-Szene als junges und dynamisches Umfeld auf der anderen Seite. Die synergistische Verschmelzung dieser beiden Felder bietet nahezu unbegrenztes Potenzial an bahnbrechenden Innovationen. Hier seien nur die Simulation von Krankheitsverläufen mittels künstlicher Intelligenz (In-silico-Therapie) sowie das Data Mining in zentralen Patientendatenbanken genannt.

 

Wissenschaft und Wirtschaft kommen zusammen

Auch in der Medikamentenentwicklung und -produktion ist Inter disziplinarität essenziell. Entlang der Wertschöpfungskette unterstützen Biologen, Chemiker, Pharmazeuten, Verfahrenstechniker, Informatiker und nicht zuletzt auch Kaufleute den Innovationsprozess. Hier steht zu Beginn die Identifikation von möglichen Targetsubstanzen im Fokus, welche dann im weiteren Verlauf getestet und optimiert werden. Gerade in dieser Phase ist der Anteil an akademischer Forschung noch relativ hoch, sodass neben der Technologiediversität auch noch das Zusammenspiel von Wissenschaft und Wirtschaft harmonisiert werden muss.

 

Biologisierung schafft multidisziplinäre Themencluster

Neben dem Megatrend Digitalisierung ist auch die Biologisierung der Industrie ein zentraler Innovationstreiber des 21. Jahrhunderts. Darunter versteht man die Einbringung von Erkenntnissen der Lebenswissenschaften in zahlreiche etablierte Industrien. Beispiele für dieses auch als Bioökonomie bezeichnete multidisziplinäre Themencluster sind Biokunststoffe, nachwachsende Rohstoffe, biologische Substitute für chemische Prozesse sowie die enzymatische Konservierung von Lebensmitteln. Auch hier ist selbstverständlich die Zusammenführung verschiedener Technologien notwendig, um die traditionell oftmals wenig vernetzten Bereiche synergistisch zu nutzen.

 

Vertrauensvolles Miteinander notwendig

Generell ermöglichen intertechnologische Kooperationen somit eine immense Erweiterung des Innovationspotenzials in der Hochtechnologie. Eine Herausforderung ist dabei jedoch die meist unterschiedliche Kultur in den verschiedenen Technologiefeldern. Naturwissenschaftler sprechen eine andere Sprache als Ingenieure, Mediziner oder Programmierer. Sogar der zwischenmenschliche Umgang und die Arbeitsweise unterscheiden sich oft signifikant. Um hier eine vertrauensvolle Basis und ein Umfeld zur Verständigung zwischen den Technologien zu schaffen, empfiehlt sich die räumliche Zusammenführung der Akteure. Dabei helfen regionale Cluster, aber insbesondere auch lokale Standorte, in deren Rahmen die Technologieunternehmen regelmäßig und intensiv im Austausch stehen und somit die Grundlage für Innovationsförderung schaffen.

 

Fazit

Die Zusammenführung von Technologie- und Unternehmensvielfalt an einem Ort bildet ein Ökosystem, in dem ein ideales Umfeld für die Innovationsförderung entsteht. So können Startups unterschiedlicher technologischer Ausrichtung in gemeinsamen Projekten ihren Horizont erweitern. Gleichzeitig ist aber auch der Austausch zwischen Start-ups und etablierten Akteuren an so einem Ort möglich, um so die Innovationspipeline im Sinne aller zu füllen.

 

Andre van Hall

gehört seit 2013 der Geschäftsleitung der BioCampus Cologne Grundbesitz GmbH & Co. KG an. Zuvor war der Ökonom in verschiedenen leitenden Positionen in den Bereichen Innovationsförderung sowie Technologieimmobilien tätig. Er verfügt über ein umfassendes Netzwerk in der Gesundheitswirtschaft und weiteren Technologiebranchen.